Der Mensch lebt nicht vom Wasser allein

WBB fordert offene Diskussion über die für Weingarten angemessene Einwohnerzahl

 

Am Samstag, den 29. April 2017 war es soweit: Nach mehr als zweijähriger Bauzeit war der Moment der Inbetriebnahme des neuen Wasserhochbehälters am Katzenberg gekommen. Und wie bei „Baggerbissen“ und anderen publikumswirksamen Ereignissen mittlerweile üblich wurden nicht nur feierliche Ansprachen gehalten und Lobesworte ausgetauscht, sondern es standen sogar Essen und Getränke für alle interessierten Bürgerinnen und Bürger bereit.

„Versorgungssicherheit“ war denn auch das zentrale Thema der kurzen Ansprache, in der Bürgermeister Bänziger die Gründe für den Bau und die Entstehungsgeschichte des neuen Wasserreservoirs skizzierte. Als Folge einer wachsenden Einwohnerzahl und eines dadurch höheren Wasserverbrauchs war gerade in trockenen Sommern die Mindestlöschwasserreserve nicht mehr gesichert. Darüber hinaus waren in der Vergangenheit Pumpenlaufzeiten mit teurem Tagstrom notwendig, um durchgehend einen reibungsfreien Betrieb zu gewährleisten. Mit der zusätzlichen Kapazität von 1250 Kubikmetern sei Weingartens Wasserversorgung für die kommenden Jahrzehnte gut gerüstet.

Kann also der Wachstumskurs der vergangenen Jahre ungebremst weitergehen? Die aktuellen Diskussionen und Fragestellungen im Gemeinderat und in der Verwaltung geben erheblichen Anlass zum Zweifel. Zwar ist es als Folge der Anstrengungen in den vergangenen Jahren um die Wasserver- und Abwasserentsorgung gut bestellt. Kapazitätsengpässe zeigen sich in der auf mittlerweile 10.500 Personen angewachsenen Gemeinde jedoch bereits heute an den verschiedensten Stellen, und es stellt sich die Frage, wie in den kommenden Jahren die Daseinsfürsorge einer wachsenden Bevölkerung gestaltet werden soll. Selbst ohne die Erschließung weiterer Neubaugebiete werden die bereits beschlossenen Maßnahmen wie z.B. am Kirchberg-Mittelweg und im Baugebiet „Moorblick“, die kontinuierlich im Hintergrund verlaufende bauliche Nachverdichtung sowie die Zuweisung von Asylbewerbern die Einwohnerzahl Weingartens mühelos auf knapp 12.000 Personen hochschrauben.

 

Am deutlichsten treten die mit der steigenden Einwohnerzahl einhergehenden Engpässe bereits heute im schulischen Bereich zu Tage. Bald werden provisorisch aufgestellte Container als Interimslösung zur Sicherstellung des Schulbetriebs dienen. Kein Mitglied des Gemeinderates kann derzeit ein finanzierbares Konzept zum Ausbau der Weingartener Gemeinschaftsschule vorlegen. Auch die Kindergärten in der Schillerstraße und an der Höhefeldstraße gelten zwischenzeitlich als nicht mehr sanierungsfähig und warten auf eine Ersatzlösung. Der Ankauf eines Stockwerks im Lamm-Eck für das Ortsbauamt hat die Raumnot im Rathaus und in der Verwaltung nur temporär gelöst, und es ist fraglich, in welchen Räumlichkeiten langfristig das ständig sich erweiternde Aufgabenfeld der Administration bewältigt werden soll. Dass Verkehrs- und Parkraum speziell in der Ortsmitte knapp werden wird mittlerweile von der Verwaltung und von den meisten Fraktionen offen ausgesprochen, auch hier sind Lösungen in weiter Ferne.

 

Aus Sicht der WBB ist daher eine offene und ideologiefreie Diskussion über eine zu unserer Gemarkungsgröße und Finanzkraft passende Einwohnerzahl mehr als überfällig. Das Hemd soll nicht lose am Körper schlabbern, es darf aber auch nicht zwicken und kneifen, und vor allem soll ein zu enger Kragen nicht die Atmung beeinträchtigen, sonst wird es auf Dauer unbequem. Unverständlich ist besonders, dass tagtäglich studierte Städteplaner im Rathaus ein- und ausgehen, Konzepte für einzelne Vorhaben erarbeiten, und dass niemand mental die Einzelmaßnahmen und deren Konsequenzen zu einem Ganzen zusammenfügt. Der Schluss kann daher nur lauten: Zeit für eine Denkpause!