„Aigelob schtinkt“

Zugegeben, Politik ist ein mühsames und oft frustrierendes Geschäft, vor allem auf kommunaler Ebene. Man braucht einen langen Atem, muss dicke Bretter bohren, und der Lohn ist karg. Im Südwesten Deutschlands, wo die Menschen ohnehin nach dem Motto leben: Net g´scholte isch g´nug g´lobt“ geschieht es selten, dass einem ehrenamtlichen Gemeinderat oder einem führenden Mitglied der Verwaltung Anerkennung zuteil wird. Kritik ist die Regel, ein Schulterklopfer die Ausnahme. In dieser permanenten Mangelsituation ist es durchaus nachvollziehbar, dass Politiker bereitwillig zu dem letzten verbleibenden Strohhalm greifen und sich das Lob, das ihnen von Seiten der Öffentlichkeit verweigert wird, selbst zusprechen, denn schließlich kann man im Tagesgeschäft ohne ein gewisses Maß an innerer Sicherheit kaum bestehen. Sätze wie „wir sind auf einem guten Weg“, „wir sind einer Lösung sehr nahe“ oder „wir haben uns verantwortungsvoll unserer Aufgabe gestellt“ klingen vertraut, gehören sie doch zum Standardvokabular, mit dem Berufspolitiker vor laufenden Kameras ihre oftmals bescheidenen Erfolge euphemistisch beschreiben.

Weit über dieses uns vertraute Maß an Selbstlob hinaus ging jedoch der Fraktionsvorsitzende einer großen Volkspartei anlässlich des Neujahrsempfangs am 17. Januar in den Räumlichkeiten der Arbeiterwohlfahrt. Nach einem Bericht der „Weingartener Woche“ wurde dort von prominenter Seite geäußert, der mittlerweile in Bauvorbereitung befindliche Lärmschutzwall „wäre ohne die SPD nicht zustande gekommen“. Das ist starker Tobak, und der politische Beobachter bewundert bei allem Verständnis für den immensen Erfolgsdruck angesichts bevorstehender Landtagswahlen und desaströser Umfrageergebnisse die autosuggestive Kraft, die hinter einer solchen vermessenen Aussage steckt.  Vielleicht lesen wir demnächst in den weiteren im Laufe des Landtagswahlkampfs zu erwartenden Veröffentlichungen, dass ohne die FDP das Seniorenzentrum auf dem Gelände der Lackfabrik in der Kanalstraße oder ohne die CDU der neue Wasserhochbehälter am Katzenberg nicht zustande gekommen wäre. Wir von der WBB sind uns jedenfalls ganz sicher, dass ohne uns der Atomausstieg Deutschlands nicht zustande gekommen wäre. Diese Gewissheit behalten wir – ganz für uns.

Matthias Görner (Gemeinderat)